Das Fest des Schenkens
Als First Nations (Erste Nationen) werden über 630 anerkannte indigene Völker in Kanada bezeichnet, die weder Inuit noch Métis sind. Die Kulturen der First Nations gab es Jahrtausende vor der europäischen Kolonisierung.
Der Potlatch ist eine zeremonielle Feier indigener Völker Nordamerikas. Zu bestimmten Anlässen werden dabei besonders großzügige Geschenke verteilt, die den Gastgeber oft an die Grenze seiner finanziellen Möglichkeiten bringen. Diese Praxis hat eine wichtige soziale Funktion, da sie häufig mit bedeutenden Ereignissen verbunden ist, etwa der Weitergabe von Namen, Ämtern oder besonderen Rechten. Den Kwakwaka’wakw (auch „Kwakiutl“ genannt), einer Gruppe von First Nations im heutigen British Columbia, wurde um das Jahr 1920 durch Maßnahmen der kanadischen Regierung sowie kirchlicher Institutionen die Ausübung dieser Tradition verboten.
Ein Potlatch fand nur selten statt und besaß eine tiefgreifende religiöse und rituelle Bedeutung. Viele Häuptlinge hielten in ihrem ganzen Leben nur einen oder zwei ab. Die beim Potlatch überreichten Gaben konnten gemessen an den Möglichkeiten des Gastgebers und seines Umfelds einen außerordentlich hohen Wert haben. Mitunter kam es vor, dass die Nachkommen einer hochgestellten verstorbenen Person ihr gesamtes ererbtes Vermögen im Rahmen eines solchen Festes verteilten. Auf diese Weise ehrten sie den Verstorbenen, hofften auf dessen wohlwollenden Einfluss und sicherten sich zugleich Anerkennung innerhalb der Gemeinschaft, die ihrem sozialen Rang entsprach. Für das Gefüge der indigenen Gesellschaften bedeutete dies, dass sich Reichtum nur selten dauerhaft bei einzelnen Personen oder Familien konzentrierte, da er immer wieder neu verteilt wurde.
Bild: Edward Curtis, Public domain, via Wikimedia Commons


